Am 18. Juni 2026 machte sich die Klasse 9b auf den Weg durch die Osnabrücker Innenstadt, um Stolpersteine zu suchen und sich mit den Lebensgeschichten der Menschen auseinanderzusetzen, an die sie erinnern. Dabei wurde deutlich, dass die kleinen Messingtafeln nicht nur an einzelne Schicksale erinnern, sondern auch Verbindungen zu bekannten Persönlichkeiten der Geschichte herstellen – sogar zu Anne Frank.
Die Exkursion begann am Dom und führte die Schülerinnen und Schüler in Richtung Nikolaiort. Dort entdeckten sie den Stolperstein von Henny Marx. Sie wurde als Henny van Pels geboren und war eines von sechs Kindern des Ehepaares Aaron und Lena van Pels. In Osnabrück betrieb sie eine Schneidereiwerkstatt und war die Tante von Peter van Pels (s.u.) Aufgrund der zunehmenden Verfolgung von Jüdinnen und Juden emigrierte sie 1935 nach Amsterdam. Dort heiratete sie Erich Marx. Beide wurden später deportiert und im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Henny Marx starb dort am 17. August 1943.
Eine besonders interessante Verbindung zu Anne Frank fanden die Schülerinnen und Schüler in der Martinistraße 67a. Dort erinnern Stolpersteine an Hermann, Auguste und Peter van Pels. Die Familie van Pels floh ebenfalls vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in die Niederlande. Peter van Pels versteckte sich später gemeinsam mit Anne Frank, ihrer Familie und weiteren Menschen im sogenannten Hinterhaus in Amsterdam. Dort lebten sie über zwei Jahre verborgen, bis ihr Versteck entdeckt wurde. Anschließend wurden alle Bewohner deportiert. Peter van Pels starb kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Mauthausen.
Auf ihrem Weg durch die Stadt kam die Klasse auch an den Standort der ehemaligen Synagoge in der Alten-Synagogen-Straße vorbei. Das Gotteshaus wurde während der Reichspogromnacht zerstört. Heute erinnert dort eine eindrucksvolle Gedenkstätte an die einstige Synagoge und das zerstörte jüdische Leben in Osnabrück. Ein gebrochener Davidstern symbolisiert die Zerstörung der jüdischen Gemeinde. Besonders bewegend sind die 162 Zaunstäbe der Gedenkanlage: Sie stehen stellvertretend für die 162 jüdischen Bürgerinnen und Bürger Osnabrücks, die während der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden.
Im Verlauf der Exkursion begegnete die Klasse zahlreichen weiteren Stolpersteinen. Dabei wurde deutlich, dass die Nationalsozialisten nicht nur jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger verfolgten. Auch Homosexuelle, Geistliche, politisch Andersdenkende sowie Menschen mit psychischen Erkrankungen wurden aus ihren Wohnungen und Häusern verschleppt. Viele von ihnen fanden in Konzentrations- und Vernichtungslagern den Tod.
Die Stolpersteine machen Geschichte sichtbar und greifbar. Sie erinnern an Menschen, die einst mitten in Osnabrück lebten, arbeiteten und Teil der Gesellschaft waren. Gleichzeitig zeigen sie, dass die Geschichte berühmter Persönlichkeiten wie Anne Frank eng mit den Schicksalen von Familien verbunden ist, die ursprünglich aus Osnabrück stammten. So wurde den Schülerinnen und Schülern der Klasse 9B eindrucksvoll bewusst, wie eng lokale Geschichte und Weltgeschichte miteinander verknüpft sind. Die Exkursion machte deutlich, wie wichtig Erinnerungskultur ist, damit die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht vergessen werden und sich Ausgrenzung und Verfolgung niemals wiederholen.
Die Klasse 9b und Gertrud Kassing
